Fragt ihr euch beim Anblick außergewöhnlicher Fotos auch häufiger, wie man so ein Motiv überhaupt entdecken kann? Wie gelingt es dem Fotografen aus der Menge der vielen visuellen Möglichkeiten genau diesen Ausschnitt daraus wahrzunehmen und im Bild fest zu halten? Hat er den magischen Blick? Ist es schlichtweg Begabung? Oder gibt es da etwa euch unbekannte Wege hin zum fotografischen Blick?
Die Antworten auf diese Fragen findet ihr in diesem Artikel. Hier findet ihr die Wegweiser, wie ihr selbst einen sog. fotografischen Blick erlangen könnt. Beschreiten solltet ihr den Weg mit Lust am Experimentieren, am Ausprobieren und der nötigen zeitlichen Muße.
Denn entscheidend ist nicht, was sich vor der Kamera tummelt, sondern wer hinter der Kamera steht. Nämlich ihr. Ihr in eurer einzigartigen und individuellen Art, die Welt wahrzunehmen, visuell zu interpretieren und in einem Bild festzuhalten.
Nicht das Motiv ist per se außergewöhnlich, sondern ihr. Und ihr nutzt das Motiv dazu, genau das auszudrücken. Das klingt vielleicht sehr anspruchsvoll. Es soll aber deutlich machen, dass euer fotografisches Können von euch anzuerkennen ist, egal auf welchem Niveau es sich aktuell befindet. Dieser wohlwollende Umgang mit eurem Talent erlaubt es euch, eure Werke verbesserungsorientiert zu betrachten, und dazu zu lernen, den Blick fürs Wesentliche zu bekommen.

Bevor wir weitere Wege erkunden, kommt die Motivation. Denn das Finden des richtigen Motivs hängt sehr mit der jeweiligen Motivation zusammen. Was bewegt euch zu fotografieren? Fasziniert euch die Schönheit der Natur oder sind es die ungestellten Szenen, die sich auf unseren Straßen abspielen? Vielleicht sind es die Schnappschüsse innerhalb der Familie oder die romantischen Sonnenuntergänge am Strand? Spürt dem nach, was euch reizt, wohin euer Blick euch zieht. Und werdet Expertin oder Experte für dieses Thema. Denn ein selbstgewähltes Thema wird euren Blick magisch anziehen und ihr fokussierst euch darauf. Und vor allem könnt ihr eure Fotos, die in einem ähnlichen Sujet entstanden sind, besser miteinander vergleichen. Ein Lerneffekt für den fotografischen Blick stellt sich so nach und nach von ganz alleine ein. Ihr spürt die unterschiedlichen Qualitäten in den verschiedenen Aufnahmen selbst ganz einfach daran, welche Aufnahme euch besser gefällt. Doch seid euch auch bewusst, "die ersten 10.000 Fotos sind die schlechtesten". Das zumindest sagt Helmut Newton.
Themen findet ihr in Botanischen Gärten oder auf den Straßen eurer Stadt. Es kann der eigene Hund sein, die Blätter am Boden, die ihr bisher nicht beachtet hast. Oder die Oldtimer am Wochenende.

Noch eins — lasst die Technik Technik sein. Wenn ihr am fotografischen Blick interessiert seid, dann lasst im ersten Schritt die Aufnahmetechnik außen vor. Und glücklicherweise ist das heute ganz einfach möglich. Jede Kamera besitzt ein Automatikprogramm und jedes Smartphone ist darauf getrimmt, automatisiert gute Belichtungsergebnisse zu erzielen. Der hier beschriebene Weg ist der Weg vom Blick zum Klick. Und mit jedem Klick kommt ihr weiter vom Knipsen weg und hin zur Fotografie.

Wie erlernt man nun diesen Blick zum Klick? Alle Lichtbildner haben diesen Weg beschritten und ihre Ergebnisse geben uns Auskunft über ihre Erkenntnisse. Deshalb lernt ihr am schnellsten durch die bewusste Betrachtung der Bilder von den alten und neuen Meistern, von den Klassikern und den visuellen Trends der Gegenwart. Erlaubt ist, was euch anspricht. Schenkt dem Bild nur mehr als die erste Sekunde und erkundet, was euch daran gefällt. Andreas Feininger, ein Meister der Fotografie, sagt dazu: „Das Gewusst wie ist bedeutungslos, wenn es nicht durch das Gewusst warum geleitet wird.“
Quellen für eure Bilderschau gibt es in unserer medialen Welt mehr als genug. Ob es Instagram ist oder eine professionelle Fotoplattform wie 500px, ob es eine Zeitschrift wie GEO ist oder eine Reportage im Lokalteil der Tageszeitung oder ein Fotoblog wie dieser hier — eure bewusste Beschäftigung mit Bildern wird euren Blick schärfen und schulen.
Unser erster Blick gilt bei einem Bild immer den emotionalen Inhalten und dem ästhetischen Gefallen. Erst der zweite Blick führt uns hin zum eher analytischen Verständnis, warum es uns gefällt. Denn es gilt auch der Satz: Wir sehen, was wir wissen.
Solches Wissen erhalten wir durch die Kenntnis der Kompositionslehre und der Gestaltungsregeln. Diese Regeln sind komplex und auch der erfahrene Fotograf lernt immer Neues dazu und erweitert sein Repertoire.
Hier sind einige wichtige Grundregeln erläutert, die als Basis für verlässlich ansehnliche und ästhetische Fotografien gelten können:



Nach dem Schauen und Erkennen kommt das Tun. Nehmt euch eure Kamera und genügend Zeit und geht auf die fotografische Pirsch. Wendet dabei all die erkannten und damit bekannten Regeln an und lasst euren fotografischen Blick die Motive entdecken und richtig ins Bild setzen. Erprobt euch an der Wirklichkeit. Begnügt euch dabei lieber mit weniger Fotos, die überlegt entstanden sind, als zu hoffen, dass in einer riesigen Anzahl von Schnappschüssen schon ein gutes Foto dabei sein wird. Das wird es - aber euer Lernerfolg ist beim bewusst gewählten Motiv wesentlich größer. Mit der Zeit werdet ihr erspüren, was ihr in einem Bild weglassen könntt, um die Aussage zu pointieren. Und ihr werdet merken, wann euch die Gestaltungsregeln einengen und ihr eurem eigenen Stil folgen wollt.
Stellt euchnach getaner künstlerischer Arbeit auch euren Kritikern, eurem Partner und den Kindern, und hört, was Ihnen gefällt. Oder eben auch nicht. Das bringt euch weiter auf eurem Weg zum fotografischen Blick.
Die schönsten Werke können ja dann als Digitaldrucke, wie in einer Galerie, eure heimischen Wände zieren und dekorativ euren Entwicklungsweg hinein in die qualitative Fotografie aufzeigen.
Wir lesen uns!
Euer Team von MEINFOTO