Wenn wir von Architektur sprechen, dann sind wir bei der Mutter der Kunst, wie man sagt. Und wie bei der Kunst ist dies natürlich auch bei der Architekturfotografie Ansichtssache. Denn alles ist eine Frage der Perspektive, allerdings hier ganz im räumlichen Sinne gemeint! Denn Architektur ist gebaute Umwelt, eine Immobilie, die meist unverrückbar ist. Wir, als größenmäßig unterlegener Betrachter, können uns ihr aus verschiedenen Richtungen nähern oder auf Distanz gehen. So entsteht im o.g. Sinne Perspektive. Und das bedeutet für die Architekturfotografie u.a. stürzende Linien.

Durch den Größenunterschied von Betrachter und Bauwerk und dem Abstand beider zueinander, sind stürzende Linien mit dem Auge nicht zu vermeiden. Hier zeigen wir zwei Fotos, die jeweils starke stürzende Linien aufweisen. Zum einen ein gotisches Gebäude, bei dem augenscheinlich ein starkes Weitwinkelobjektiv verwendet wurde.
Zum anderen ein paar Wolkenkratzer, deren perspektivischer Fluchtpunkt irgendwo links im fernen Himmel liegt.
Welches Bild gefällt euch besser? Welches sieht mehr nach verzerrter Optik aus? Und welches nach bewusst gewählter und richtungsgebender Perspektive?
Unserer Meinung nach das Bild der Skyscraper. Und genau hierhin liegt der Unterschied zwischen optisch gegebenen stürzenden Linien und künstlerischer Perspektive.
Und diese will entdeckt werden. Denn jedes Gebäude hat seine „Schokoladenseite“ und eben auch die Seiten und Ansichten, die sich weniger für ein interessantes Foto eignen, oder mit der Ausrüstung, die uns augenblicklich zur Verfügung steht, nicht gut abbildbar ist. Hier unser Tipp dazu: erwandert euch das Bauwerk. Erst einmal, ohne gleich zu fotografieren. Nehmt das Gebäude in aller Ruhe wahr. Lasst euch von den Linien führen und von den Proportionen begeistern. Erst wenn ihr das Gefühl habt, die architektonische Absicht des Bauwerks erfasst zu haben, dann fasst eure Kamera an und sammelt die vorher entdeckten sehenswerten Perspektiven fotografisch ein!


Das Spiel mit den Gebäudekörpern, den Fluchtpunkten, der Brennweite eures Objektives und die von euch neu entdeckten Blickwinkel auf die Architektur erschaffen immer neue Anblicke, genau so, wie ihr sie gesehen habt und zeigen wollt.
Dabei ist die Gliederung bei der Architekturfotografie in Vorder-, Mittel- und Hintergrund ein wichtiges Gestaltungsmittel. Auch Durchblicke, Unter- und Draufsichten ergeben jeweils ein neues Bild. Kaum ein Sujet in der Fotografie lässt so viele Varianten zu wie die Beschäftigung mit unserer baulichen Umwelt. So vielseitig die Funktionen unserer Gebäude sind, so vielgestaltig ist auch deren bauliche Umsetzung. Und das ist für uns Fotografen in jeder Hinsicht eine Spielwiese.
Die hier gezeigte Architekturskizze verdeutlicht das Prinzip der Fluchtpunktperspektive. Wenn wir die waagerechten Linien am Gebäude betrachten streben diese auf der linken Häuserseite einem sog. Fluchtpunkt auf der linken Seite zu. Ebenso die rechten waagerechten Linien auf der rechten Seite. Die senkrechten Linien des Gebäudes sind parallel. Doch sogar diese können kippen, wie man hier an den äußersten Linien links und rechts in Maßen sieht. Dies sind die sog. stürzenden Linien, die durch Unter- oder Draufsicht und die Position des Betrachters vor dem Gebäude entstehen.

Damit unsere lichtbildnerische Fantasie bildhafte Wirklichkeit wird, braucht es noch etwas Fototechnik.
Um Architektur aufs Bild zu bringen, eignet sich besonders eine kurze Brennweite. Wenn ihr mit einer Spiegelreflexkamera unterwegs seid, dann ist eine 24mm bis 28mm-Brennweite zu empfehlen. Gut ist auch ein kleines Zoomobjektiv, etwa 24-70mm. Seid ihr Fotografen mit einer Systemkamera oder Kompaktkamera, dann seid ihr meist gut gewappnet, da diese Kameras oft bereits in der Grundausstattung mit solch einem Objektiv versehen sind. Und wenn ihr mit dem Smartphone tolle Bilder macht, dann haben auch diese von ihrer Bauart her ein Weitwinkel als Optik an Bord.
Die Blende solltet ihr dabei möglichst geschlossen halten, um ausreichend Schärfentiefe zu bekommen. Darum empfehlen wir euch dazu Blende 11 bis 16. Und damit der Belichtungschip optimale Klarheit bietet, solltet ihr die Empfindlichkeit auf ISO 100 einstellen. Mit diesen Einstellungen erhaltet ihr die bestmöglichen optischen Voraussetzungen für knackig scharfe Architekturfotos über den gesamten Schärfentiefenbereich hinweg. Allerdings sind die Belichtungszeiten damit eher lang und es empfiehlt sich ein Stativ zu verwenden. Auch das Ausrichten des Horizonts und der senkrechten Linien ist so sehr viel verlässlicher möglich.
Kommen wir zurück von der Aufnahmetechnik zur Bildkomposition. Hier bietet die Architekturfotografie ein weites Feld an Möglichkeiten, je nachdem welche Aussage ihr dem Gebäude geben wollt. So macht eine Ansicht von unten das Gebäude immer mächtig und überragend. Eine Ansicht von oben, beispielsweise von einem Berg aus aufgenommen oder von einer Drohne, lässt uns das Gebäude in der Übersicht erfassen und im geografischen Kontext darstellen.
Ein weiteres Mittel der Bildkomposition ist die Spiegelung des Objektes. Sei es ein Wolkenkratzer in den großen Schaufensterscheiben eines New Yorker Kaufhauses oder Bootshäuser an einem See, wie ihr das hier sehen könnt:

Unser Auge liebt die Symmetrie. Und einfach zu erfassende Formen. Hier haben wir beides. Die Dächer der aneinander gebauten Bootshäuser ergeben eine rhythmische Abfolge von steigenden und fallenden Linien. Und hat unser Auge erstmal dieses Motiv erfasst, darf es dies als Spiegelung im Wasser gleich nochmals genießen, eingerahmt vom malerischen Wolkenhimmel.
Nicht immer sind die großen Bauten das einzig lohnende Motiv. Manchmal sind es die unauffälligen, leisen Motive, die unserer besonderen Zuwendung würdig sind. Beispielsweise erzählt uns dieses einfache Haus in Italien eine Geschichte. Gleich zwei verschiedene Sportarten werden hier am Dorfplatz gespielt. Tor in Tor wird diese in die Jahre gekommene Fassade umgenutzt. Der Putz bröckelt. Und doch ist das vielleicht genau der Ort, an dem ein neuer Francesco Totti seine ersten Tore schießt.

Fotografisch hilft hier die Zentralperspektive, um Ruhe und stille Präsenz zu erzielen. Die benachbarten Häuser laufen begleitend in ihrer Ausrichtung zu einem zentralen Fluchtpunkt nach hinten. Bei diesem Foto wurden die stürzenden Linien des zentralen Gebäudes mittels Bildbearbeitung senkrecht gestellt. Dies unterstreicht die Dominanz des Hauptmotivs.
Ein weiteres Stilmittel für gelungene Architekturfotos ist für Kontrast zwischen den Gebäuden zu sorgen. Dies kann eine räumliche Staffelung der Baukörper sein. Es kann die unterschiedliche Farbigkeit der Häuser sein. Verschiedene Größen können Abwechslung und Spannung schaffen. Es kann aber auch eine Mischung von mehreren Kontrastarten sein.
Im untenstehenden Bild beispielsweise treffen Architekturen verschiedener Epochen aufeinander. Im Vordergrund sehen wir ein mit Efeu überwuchertes Gebäude mit einer ungleichmäßig strukturierten Fassade. Das satte Grün führt das Auge hin zum Hintergrund und bildet einen deutlichen und spannenden Kontrast zu dem majestätisch und kühl aufragenden modernen Bankgebäude. Hier treffen das alte und das neue Mailand jäh aufeinander.

Doch Architekturfotografie ist nicht immer das Ablichten einer Brücke, eines ganzen Hauses oder gar einer ganzen Stadtansicht. Oft machen seine Details auch den Reiz eines architektonischen Entwurfs aus. Besonders eignen sich hierfür antike und klassizistische Gebäude. Sie sind meist mit prachtvollen und dreidimensionalen Details der Baukunst geschmückt. Wer einmal mit einem Kunst- oder Architekturgeschichtler solch ein ionisches Kapitell mit Voluten und Eierstab betrachtet und besprochen hat, weiß wovon ich rede.
Fotografisch reizt genau diese plastisch durchgearbeitete Vielfalt unser künstlerisches Auge und wir erfreuen uns an jedem Akanthusblatt, auch wenn wir es nicht bewusst benennen können. Zudem steht die Abbildung der Feinheit von Licht und Schatten hier der feinen Steinmetzarbeit in nichts nach. Ebenso ist die Platzierung der Volute innerhalb der Bildaufteilung vorbildlich.

Auch die moderne Architektur hält viel Reizvolles für uns bereit. Das viele Glas, die Proportionen der Baukörper, die kühnen Statiken und die großflächigen Fassaden mit ihren unterschiedlichen Materialien und Strukturen bieten unendliche Gelegenheiten für gute Bilder.
An diesem Beispiel möchten wir euch zeigen, dass auch hier nicht immer das ganze Bauwerk das Motiv sein muss. Ein interessant gewählter Bildausschnitt kann noch viel deutlicher den Charakter des architektonischen Entwurfs repräsentieren bzw. unseren Eindruck davon wiedergeben.

Eine ganze Stadtansicht, ein Gebäude oder ein Detail - die Architekturfotografie ist ein unerschöpfliches Thema, das von großartiger und von allgegenwärtiger Architektur erzählen kann.
Wir wünschen euch viel Freude an diesem Genre der Fotografie. Und möglicherweise finden dann bald ja eure schönsten Architekturbilder an eurer Wand ein neues zu Hause!
Wir lesen uns!
Euer Team von MEINFOTO