Aber wie immer steigen wir mit der wichtigsten Frage ins Thema ein:
Gute Frage, einfache Antwort: Beim Fotografieren geht es meist ums Licht, aber auch um die Bereiche im Bild, die ohne es auskommen (müssen). Schatten werden von Fotografen leider gern und oft übersehen oder gar vermieden. Dabei können sie, wenn man sie als Gestaltungsmittel richtig nutzt, gewöhnliche Bilder in echte Kunst verwandeln! Wenn ihr lernen wollt, wie ihr den Einsatz von Licht in euren Fotografien beherrscht, werft also immer auch einen intensiven Blick auf die Schatten.
KURZ UND KNAPP: Schatten sind jene dunklen Bereiche, in denen eine Lichtquelle durch ein Objekt verdeckt wird. Schatten verändern ihre Form, Intensität und sogar ihre Farbe – immer abhängig vom Einfallswinkel, der Richtung und der Temperatur des Lichts.
Jedes Foto, in dem Schatten als wichtiges Element der Komposition Einsatz findet – ob nun, um den Kontrast des Objekts oder der Figur zu verstärken, oder als Thema an sich – zählt zur Schatten-Fotografie.

Schatten in der Fotografie können ein Bild komplexer machen. Wenn man so will, hat man quasi zwei Bilder gleichzeitig: das Motiv an sich und zusätzlich die Art und Weise, wie Licht und Schatten darauf miteinander spielen.
Nutzt die Schatten als Unterstützung, um die Geschichte eures Bildes zu entwickeln. Ein starker, scharfer Schatten trifft eine andere Aussage als ein weicher, diffuser. Erhöht die Spannung, indem ihr die strengen diagonalen Linien und Schlagschatten der Architektur im Stadtbild nutzt, oder schafft mit den langen, weichen Schatten eines Sonnenuntergangs eine weiche Atmosphäre.
Zur Superkraft von Schatten zählt auch, dass sie gewöhnliche Dinge in ein neues Licht setzen können. Verwendet doch mal Gläser und Glasschüsseln als Motiv. Die werfen schöne, abstrakte Schatten mit viel Struktur und verspielten Lichtflecken. Das Licht dringt durch das Glas und wirft sich dann verträumt lasziv auf die nachgelagerte Kulisse. Und das ist dann wirklich einfach nur schön.
Schattenspiele kommen auch gern in minimalistischer Fotografie zum Einsatz, wo oftmals reduzierte Schwarz-Weiß-Kompositionen, die den Schatten als negativen Raum nutzen, genutzt werden. Auch Architektur-, Straßen- und Fine-Art-Fotografie nutzen häufig Schatten, um geometrische oder abstrakte Formen zu erzeugen.

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KURZ UND KNAPP: Schatten setzen Akzente und können gewöhnlich anmutende Objekte aufwerten. Unterschiedliche Schatten haben unterschiedliche Wirkungen, bedenktdas immer!

Nehmt euch immer genug Zeit für eure Motivwahl. Ein gelungener Bildaufbau ist für eure Schattenspiele schließlich entscheidend, lenkt er den Blick des Betrachters doch gezielt in bestimmte Bereiche und verleiht dem Foto besondere Tiefe. So bindet ein heller Bildbereich oder ein von Schatten eingerahmtes Glanzlicht die Aufmerksamkeit des Betrachters gezielt und nach euren Wünschen. Zudem solltet ihr euch im Vorhinein im Klaren darüber sein, ob ihr einen einzelnen oder gleich mehrere Schatten in den Fokus nehmen möchtet. So können etwa sich überkreuzende Schatten interessante Muster entwickeln, aber auch schnell Unruhe ins Bild bringen. Schwarz-Weiß-Aufnahmen verstärken den Kontrast von Licht und Schatten und sorgen für mehr Ausdruck. Außerdem schafft ihr damit eine besondere Stimmung.
Für den perfekt in Szene gesetzten Schatten sind zwei Dinge unerlässlich:
Weil die Belichtungszeit sowie die Einstellung der Blende bei In- und Outdooraufnahmen variieren kann, ist das Arbeiten mit Belichtungsreihen hier ein probates Mittel, um das perfekte Bild zu schaffen. Unter einer Belichtungsreihe versteht man in der Fotografie eine abgestufte Reihe von Belichtungen, bei der dasselbe Motiv mehrmals bei unterschiedlichen Belichtungseinstellungen abfotografiert wird (beispielsweise +/− einer halben oder drittel Blendenstufe).
Ein gute Orientierungshilfe für das Fotografieren von Schattenspielen ist das Histogramm. Es hilft euch dabei, die dunkelsten und hellsten Bildeffekte auf den Bildern anzuordnen und somit Clipping zu vermeiden.

Kurz erläutert ist das Histogramm einfach eine grafische Darstellung der Helligkeitswerte nach deren Anzahl. Je höher das Diagramm an einer Stelle ist, desto mehr Pixel des Fotos haben denselben Helligkeitswert. Rechts werden die hellen Tonwerte dargestellt, links die dunklen. Clipping wiederum beschreibt den Zeitpunkt, wenn die digitalen Bildsensoren ins Reinweiß übergehen und helle oder dunkle Stellen keine Zeichnung mehr aufweisen.
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KURZ UND KNAPP: Nicht jede Lichtrichtung und jede Lichtquelle eignen sich für jedes Motiv. Arbeitet mit Belichtungsreihen und probiert euch aus. Das Histogramm in deiner Kamera wird euch gute Dienste leisten, um zum Beispiel Clipping zu vermeiden oder den idealen Helligkeitswert zu finden.
Schatten können ganze Körperpartien im Dunkel verschwinden lassen, sorgen so aber auch für Drama und Spannung. Sie können Silhouetten bilden und ermöglichen feinste Lichtkanten, die nur einzelne Partien des Gesichts in den Vordergrund stellen. Schatten betonen – richtig eingesetzt – auch das Leben, das ein Gesicht geprägt hat. Möchte man den Charakter eines Gesichts zum Vorschein bringen, kommt man ohne Schatten nicht weit. Sie stehen für erlebtes, besonders das tragische.
Falten lassen sich betonen, indem man sie schräg anleuchtet und so eine Schattenbildung bewusst zulässt. Und es ist ja nun so: wer nie in seinem Leben Falten hatte, ist wohl sehr früh verstorben. Das Alter an sich mag vielleicht nicht sexy sein, es birgt dafür aber all die Vorteile, die man erst mit ein wenig Lebenserfahrung für sich entdecken und genießen kann. Und um Lebenserfahrung in einem Bild herauszuarbeiten, bedient man sich gerne auffälliger Schattenbildung und der damit einhergehenden Betonung aller Gesichtspartien.

Auch und gerade der Film, das große Kino lebt bis heute vom Schattenwurf in all seinen Facetten und nutzt sie sogar – im besten Sinne – schamlos aus. Besonders der Film Noir, allen voran die Geschichte des Private Eye Philip Marlowe, lebt vom Spiel mit dem Schatten. So werden psychisch abgründige Charaktere mit durchbrochenen Schatten inszeniert, da liegt beim Bösewicht mehr als die Gesichtshälfte im Dunkel oder das Antlitz des Detektivs wird durch das Gittermuster einer durchleuchteten Jalousie zerrissen. Hier zeigt sich recht eindrucksvoll, das die gescheiterten Charaktere von Anta- und Protagonist gerade mit dem Schatten besonders gut herausgearbeitet werden können. Extra schön kommt übrigens auch der Augenaufschlag aus der Finsternis – wenn man sie denn für sich zu nutzen weiß.
Wie siehts bei euch aus, habt ihr Lust bekommen, euch ein wenig „into the Dark“ zu begeben? Lasst eure Gedanken schweifen und versucht immer, out of the box zu denken. Wie wäre es zum Beispiel mit einem kantigen Porträt eurer Kinder zu Halloween oder den verzweigten Kanälen einer alten Baumrinde in Schwarz-Weiß? Beides macht sich richtig gut hinter Acrylglas. Den Druck übernehmen wir dann selbstverständlich gerne. Bleibt dran, wir lesen uns in Kürze wieder.
Wir lesen uns!
Euer Team von MEINFOTO